Wie jeder, der Ohren zum Hören hat, bestĂ€tigen kann, liegt Schweden bei der Förderung unglaublicher Pop-Talente ganz weit vorne. TOVE LO aus Stockholm hat diese typische Gussform fĂŒr eleganten, von Herzen kommenden Elektropop auf wunderbare Weise jedoch durch jene Art der lyrischen Ehrlichkeit und Rauheit verbogen, die allen unter die Haut geht und bei der man am liebsten die Hand aufs Herz legen und aus vollem Hals mitheulen möchte. Nachdem sie in Eigenregie bereits zwei Beispiele ihrer einzigartigen Pop-Interpretationen veröffentlichte â den rasselnden Aderlass LOVE BALLAD und das raue, aber entwaffnend melodische Habits (wobei ihr Letzteres den Respekt sĂ€mtlicher Musikexperten von Pitchfork bis Popjustice einbrachte) â ist TOVE LO nun bereit, ihre Pop-Bekenntnisse auf eine ganz neue Ebene zu fĂŒhren. FĂŒr TOVE LO stand von Anfang an fest, dass sie etwas mit Musik zu tun haben wollte. Schon ihre Schule war nicht wie alle anderen Schulen. Sie wurde von Lehrern geleitet, die allem Anschein nach dem Motto âScheiĂ auf Lesen â wir machen Musikâ folgten. Hier lernte LO nicht nur beide Mitglieder von Icona Pop kennen, ĂŒberall wurden auch stĂ€ndig neue Bands gegrĂŒndet und sie lernte, Songs zu schreiben. Auch auĂerhalb der Schule sang LO in Bands, war Frontfrau einer Math-Rockband und spielte, wie sie es selbst liebevoll nennt, in âbeschissenenâ LĂ€den. âIch wollte schreiben, konnte aber kein Instrument spielen, deshalb hat der Gitarrist der Band meine Texte mit Musik unterlegt. So hat alles angefangenâ, erklĂ€rt sie. âEs war wirklich harte Musik, und sie hat andauernd Tonart und Tempo gewechselt. Man musste sie verstehen, wie mathematischen Rock. Wir haben in all diesen grauenhaften Bars gespielt, in denen es keine Lautsprecher und nichts gab. Es war immer ziemlich chaotisch, aber ich habe eine Menge BĂŒhnenerfahrung gesammelt.â Zur gleichen Zeit begann sie, an ihren eigenen Demos zu arbeiten und sich nebenbei etwas Geld als StudiosĂ€ngerin zu verdienen. âIch glaube, ich hatte einfach das GefĂŒhl, dass diese Musik nicht mehr mein Ding warâ, sagt sie ĂŒber ihr BedĂŒrfnis, auf eigenen Beinen zu stehen. âIch wollte mehr mit anderen Sounds experimentieren und nicht mehr so organisch klingen. Ich fand die Elektromusik gut, die damals in war, aber der Gitarrist war total dagegen. Also hab ich angefangen, auf meinem Computer meine eigenen Songs zu produzieren, was echt SpaĂ gemacht hat.â Vielleicht ist es ein Zeichen ihrer Entschlossenheit, dass diese ersten Aufnahmesessions in einem eiskalten Schuppen stattfanden, den sie in ein provisorisches Studio umgebaut hatte. âMeine Cousins hatten einen Schuppen vor ihrem Haus. Er war nicht beheizt, deshalb musste ich einen HeizlĂŒfter reinstellen, aber im Winter waren darin manchmal trotzdem minus zehn Gradâ, lacht sie. âWenn ich keine Studiosession hatte, bin ich mit meinem Hund spazieren gegangen oder hab den ganzen Tag da drin gehockt und eigene Songs produziert. Auch HABITS und LOVE BALLAD haben dort ihren Anfang.â WĂ€hrend sie ihr Leben lebte, Songs ĂŒber all die Aufs und Abs ihres Lebens schrieb (Trennungen, Alkohol und Drogen, wilde NĂ€chte und das emotional ernĂŒchternde Erwachen am nĂ€chsten Morgen) und Geld verdiente, arbeitete LO auch weiter daran, ihre Karriere als Songwriterin voranzubringen. Auf einer Party, mit der ihre Freundinnen von Icona Pop ihren frisch unterschriebenen Plattenvertrag feierten, beschloss LO, ein paar Leuten der Plattenfirma auf die Nerven zu gehen. âIch bin einfach zu einem von ihnen hingegangen und hab gesagt: âDu musst dir meine Songs anhören, die sind unglaublichââ, kichert sie. âIch wollte einfach nur Feedback von jemandem. Er meinte: âWer zur Hölle bist du ĂŒberhaupt?â Aber ich hab ihn gezwungen, mir seine Mailadresse zu geben, und ihm ein paar von meinen Sachen geschickt. Er hat geantwortet und gesagt, sie seien nicht ĂŒbel, und wir haben ein Treffen in Stockholm ausgemacht.â Nach diesem Treffen unterschrieb sie einen Vertrag bei Warner Chappell, und schon kurze Zeit spĂ€ter fand sie sich im Flieger nach L.A. wieder, wo sie dank ihres neu gefundenen Freundes schon bald Gast im Haus der Pop-Songwriter-Legende Max Martin war â zusammen mit einem anderen legendĂ€ren Songwriter: Alex Kronlund. âDas hat mir so viel Selbstvertrauen gegeben, weil man am Anfang einfach nicht weiĂ, was man mag. Wenn jemand sagt, dass es gut ist, dann glaubst du ihm fast unwillkĂŒrlich.â Seit diesem ersten spontanen Treffen gehört LO zu Martins stĂ€ndigem Songwriter-Team und arbeitet an einigen der gröĂten Pop-Veröffentlichungen der nĂ€heren Zukunft mit. Aber erst in ihren eigenen Songs wird TOVE LOs wahres Songwriter-Talent wirklich sichtbar. Als Beweis dient ihre ausgezeichnete DebĂŒt-EP mit dem vielsagenden Titel TRUTH SERUM. Im Herzen der EP steht HABITS, das in unzĂ€hligen Blogs so gehypt wurde, dass es nicht nur zu einem Deal mit Universal fĂŒhrte, sondern auch die Aufmerksamkeit des allseits respektierten Pop-Labels Neon Gold erregte, das in Amerika nun eine spezielle limitierte Ausgabe von TRUTH SERUM auf Vinyl veröffentlicht und die KĂŒnstlerin bei seinem Showcase des SXSW auftreten lĂ€sst. HABITS wechselt mĂŒhelos zwischen den Strophen, die erzĂ€hlen, wie weit Menschen gehen, um ihren Schmerz zu vergessen (Sexclub-Besuche, Gelegenheitssex mit Fremden, jede Menge Alkohol), und einem aufsteigenden Refrain, der seine Seelenqual kaum zurĂŒckhĂ€lt. Der Song ist in TOVE LOs leidenschaftlichem Gesang fest verankert, der vor allem in der Zeile âyouâre gone and Iâve got to stay high all the time to keep you off my mindâ zum Ausdruck kommt. âIn HABITS gehtâs um meinen Exâ, erklĂ€rt die Schwedin schulterzuckend. âDa war so viel Leidenschaft und Schmerz, und ein dicker Schleier aus Rauch. Immer auf und ab. Irgendwann hat er sein Leben komplett geĂ€ndert und sich einer buddhistischen Bewegung angeschlossen, aber ich war dafĂŒr ĂŒberhaupt nicht bereit und bin gegangen.â Hat sie je darĂŒber nachgedacht, ihre Ehrlichkeit in irgendeiner Weise zu zĂŒgeln? âIch filtere nicht gerne. Ich tauche beim Schreiben ganz tief ein und lasse alles raus, und jedes Mal, wenn ich innehalte, denke ich nur: âWarum? Warum subtil sein? Sag es einfach so, wie es ist.â Ich meine: âIch bin Single, lass uns die ganz Nacht durchfeiernâ, stimmt dann einfach nicht, sondern eher: âIch bin gerade total selbstzerstörerisch und es ist mir egalâ. Ich glaube, meine Ehrlichkeit stört manchen Leute.â UnverblĂŒmt, ungezĂŒgelt und voll gepackt mit Pop-Hooklines, die sich in den Himmel aufschwingen â auch der Rest von TRUTH SERUM folgt dem Vorbild von Habits. Vom glatten Elektro-Puls des geradezu lĂ€cherlich eingĂ€ngigen NOT ON DRUGS ĂŒber das von Jungle und Drum ânâ Bass beeinflusste PARADISE bis hin zur erschĂŒtternden Melancholie des musikalisch euphorischen OVER ist dies eine Sammlung, die nicht nur ein spannendes neues Talent prĂ€sentiert, sondern auch neue MaĂstĂ€be fĂŒr emotionale Popmusik setzt. Mit OUT OF MIND schlieĂt die EP mit dem bislang vielleicht eingĂ€ngigstem Werk, einem Song, der ĂŒber ein Geflecht aus zischenden Synthie-KlĂ€ngen dahinrauscht, wĂ€hrend LO trotzig eine Beziehung seziert und im Refrain mehrmals die Zeile âyouâre out of your mind to think that Iâ wiederholt, bevor sie mit âcould keep you out of mineâ die herzzerreiĂende Auflösung prĂ€sentiert. Der Track ist ein weiteres Beispiel fĂŒr TOVE LOs gröĂte StĂ€rke: die FĂ€higkeit, emotionale Ehrlichkeit in die Art von Song zu verpacken, bei der man am liebsten mit einem Drink in der Hand durchs Zimmer hĂŒpfen und seine GefĂŒhle mit einem breiten Grinsen im Gesicht und TrĂ€nen in den Augen hinaussingen möchte.Label: (P) 2014 Universal Music AB
(Veröffentlichung: 16.05.2014)
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